Was erlaube Deutschland?

16 06 2006

Smile!Poli­tik und Fuß­ball tau­chen unter die­ser Domain nor­ma­ler Weise gar nicht oder nur am Rande auf, aber die­ser WM-​Tage nervt mich die soge­nannte Patriotismus-​Debatte doch gewal­tig. Es ist so typisch deutsch, wie die Ver­ab­schie­dung des 327. Ände­rungs­ge­set­zes zur Abgabenordnung.

Da fin­det mal ein wun­der­ba­res, far­ben­fro­hes Sport­event in Deutsch­land statt, das Men­schen aller Län­der (mit Aus­nahme der USA) begeis­tert, da sind mot­to­ge­treu Freunde zu Gast und genie­ßen die Zeit hier, da brin­gen 50.000 Schwe­den den Ver­kehr in Ber­lin zum Erlie­gen, da gefällt ein paar Aus­tra­li­ern das Bier am Flug­ha­fen Hahn so gut, daß sie fast ver­ges­sen, nach Frank­furt wei­ter­zu­fah­ren und da haben Deut­sche mor­gens auf dem Weg zur Arbeit plötz­lich ein Lächeln (!) auf den Lip­pen, weil sie am Tag zuvor ein Fußball-​Highlight erle­ben konn­ten, dem zur Oscar­reife nur noch die Unter­ma­lung mit Musik von Hans Zim­mer fehlte.

Und was geis­tert in die­sen (zu) war­men und fröh­li­chen Tagen durch die Medi­en­land­schaft? Genau, die vor­ge­nannte Debatte. Wie kön­nen wir Deut­schen es wagen, unsere Freude über eine mit­rei­ßend spie­lende deut­sche Mann­schaft, die ges­tern noch tot gesagt wurde, die jung und sym­pa­thisch als rich­ti­ges Team ohne Allü­ren auf­tritt und die ein net­ten gelern­ten Bäcker als Trai­ner hat… wie kön­nen wir es also wagen, die­ser Freude mit ein paar Fähn­chen und Wim­peln am Fens­ter, am Auto und im Schau­fens­ter Aus­druck zu ver­lei­hen? So wie es hun­dert­tau­sende Korea­ner vor Mega-​Bildleinwänden machen, wie jeweils hun­derte Afri­ka­ner vor den weni­gen Fern­se­hern zu Hause mit­fie­bern und wie unzäh­lige Aus­tra­lier die Nacht zum Tag machen, weil sie »down under« sind.

Es kann ein­fach nicht sein in einem Land mit die­ser Geschichte im letz­ten Jahr­tau­send. Das muß doch in den Köp­fen ste­cken, da kann man sich doch nicht so aus­ge­las­sen freuen, sonst könnte man im Aus­land noch den­ken, wir hätte die schreck­li­chen Ver­bre­chen von vor 60 Jah­ren ver­ges­sen… Darf es vor die­sem Back­ground wirk­lich eine posi­tive, fröh­li­che Stim­mung ohne Hin­ter­ge­dan­ken im Land der sonst mür­risch Ver­knif­fe­nen geben?

Nein, die Iro­nie krieg ich anschei­nend nicht so gut hin. Ich bin weiß Gott jemand, der sich mit gro­ßem Getöse alá »Wir sind Papst!« und ande­ren Höhen­flü­gen zurück­hält, es meist nur als pein­lich erach­tet und die Zurück­hal­tung mit der Deutsch­land in den letz­ten Jahr­zehn­ten auf poli­ti­schem und ande­ren Fel­dern agiert, als äußerst ange­nehm emp­fin­det. Aber was bitte hat das Ganze mit einer vor­ge­zo­ge­nen Love-​Parade auf der Straße des 17. Juni in Ber­lin und ähn­li­chem Freu­den­tau­mel andern­orts zu tun? Rich­tig: gar nichts.

Des­halb: Genießt den Zuckerhut-​Flair in die­sen Wochen, der graue All­tag kommt bald nach dem 09. Juli, spä­tes­tens mit 19% Mwst. ab 2007 und gene­rel­lem Rauch­ver­bot in Knei­pen. Dann wird wahr­schein­lich wie­der eine teure Kam­pa­gne »Du bist Deutsch­land – Reloa­ded« geschal­tet, aber sie wird nicht annä­hernd das bewir­ken, was ein paar fuß­ball­ver­rückte Wochen in die­sem Som­mer schafften.