Was erlaube Deutschland?

Smile!Politik und Fußball tauchen unter dieser Domain normaler Weise gar nicht oder nur am Rande auf, aber dieser WM-Tage nervt mich die sogenannte Patriotismus-Debatte doch gewaltig. Es ist so typisch deutsch, wie die Verabschiedung des 327. Änderungsgesetzes zur Abgabenordnung.

Da findet mal ein wunderbares, farbenfrohes Sportevent in Deutschland statt, das Menschen aller Länder (mit Ausnahme der USA) begeistert, da sind mottogetreu Freunde zu Gast und genießen die Zeit hier, da bringen 50.000 Schweden den Verkehr in Berlin zum Erliegen, da gefällt ein paar Australiern das Bier am Flughafen Hahn so gut, daß sie fast vergessen, nach Frankfurt weiterzufahren und da haben Deutsche morgens auf dem Weg zur Arbeit plötzlich ein Lächeln (!) auf den Lippen, weil sie am Tag zuvor ein Fußball-Highlight erleben konnten, dem zur Oscarreife nur noch die Untermalung mit Musik von Hans Zimmer fehlte.

Und was geistert in diesen (zu) warmen und fröhlichen Tagen durch die Medienlandschaft? Genau, die vorgenannte Debatte. Wie können wir Deutschen es wagen, unsere Freude über eine mitreißend spielende deutsche Mannschaft, die gestern noch tot gesagt wurde, die jung und sympathisch als richtiges Team ohne Allüren auftritt und die ein netten gelernten Bäcker als Trainer hat… wie können wir es also wagen, dieser Freude mit ein paar Fähnchen und Wimpeln am Fenster, am Auto und im Schaufenster Ausdruck zu verleihen? So wie es hunderttausende Koreaner vor Mega-Bildleinwänden machen, wie jeweils hunderte Afrikaner vor den wenigen Fernsehern zu Hause mitfiebern und wie unzählige Australier die Nacht zum Tag machen, weil sie »down under« sind.

Es kann einfach nicht sein in einem Land mit dieser Geschichte im letzten Jahrtausend. Das muß doch in den Köpfen stecken, da kann man sich doch nicht so ausgelassen freuen, sonst könnte man im Ausland noch denken, wir hätte die schrecklichen Verbrechen von vor 60 Jahren vergessen… Darf es vor diesem Background wirklich eine positive, fröhliche Stimmung ohne Hintergedanken im Land der sonst mürrisch Verkniffenen geben?

Nein, die Ironie krieg ich anscheinend nicht so gut hin. Ich bin weiß Gott jemand, der sich mit großem Getöse alá »Wir sind Papst!« und anderen Höhenflügen zurückhält, es meist nur als peinlich erachtet und die Zurückhaltung mit der Deutschland in den letzten Jahrzehnten auf politischem und anderen Feldern agiert, als äußerst angenehm empfindet. Aber was bitte hat das Ganze mit einer vorgezogenen Love-Parade auf der Straße des 17. Juni in Berlin und ähnlichem Freudentaumel andernorts zu tun? Richtig: gar nichts.

Deshalb: Genießt den Zuckerhut-Flair in diesen Wochen, der graue Alltag kommt bald nach dem 09. Juli, spätestens mit 19% Mwst. ab 2007 und generellem Rauchverbot in Kneipen. Dann wird wahrscheinlich wieder eine teure Kampagne »Du bist Deutschland – Reloaded« geschaltet, aber sie wird nicht annähernd das bewirken, was ein paar fußballverrückte Wochen in diesem Sommer schafften.

Artikel: Was erlaube Deutschland?
Datum: Friday, 16. June 2006, 01:21 Uhr
Kategorien: Everyday Life
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