Cirque du Soleil - Dralion

20 09 2006

Wer geht heute eigent­lich noch in einen Zir­kus? Von Fami­lien mit Kin­dern mal abge­se­hen. Irgend­wann war jeder schon mal drin, hat die Löwen bestaunt (ooohhh) und den Zau­be­rer (aaahhh), hat mehr oder weni­ger über die Clowns gelacht und eigent­lich wars ganz schön. Heute wol­len die 6jährigen Mädels zu Kon­zer­ten von Rob­bie Wil­liams oder sind ver­rückt nach Mick Jag­ger und den Sto­nes. Tiere kann man sich ja am Wochen­ende im Fern­se­hen anschauen und not­falls ist der Strei­chel­zoo im Tier­park wesent­lich gefühls­ech­ter, als die pseudo-​wilden Tiger in der Manège. Warum sich also die Zeit mit Gauk­lern und Domp­teu­ren vertreiben?

Cirque du Soleil - LogoAny­way, am ver­gan­ge­nen Frei­tag war ich mal wie­der im Zir­kus. Zuge­ge­ben, eigent­lich wurde ich mit sanf­tem Druck hin­ge­führt… zum Cir­que du Sol­eil. Meine Zwei­fel waren nicht nur unbe­grün­det, bereits nach den ers­ten Minu­ten der Show hatte ich völ­lig ver­ges­sen, wel­cher Wochen­tag war. Am bes­ten läßt es sich viel­leicht mit dem Titel einer der ers­ten Shows des CdS beschrei­ben: »We reinvent the cir­cus!« Das ist kein Deut über­trie­ben, denn was der CdS in einem gut zwei­stün­di­gen Fes­ti­val der Sinne ablie­fert, hat mit einem klas­si­schen Zir­kus nicht mehr viel gemein.

Die Zuschauer erle­ben über zwei Stun­den „Hoch­ge­schwin­dig­keits­en­ter­tain­ment” in Per­fek­tion.

Gour­met Report

Von der ers­ten Minute an erlebt man ein so atem­be­rau­ben­des Feu­er­werk aus Far­ben, Kos­tü­men, Musik, Akro­ba­tik, Tanz und Licht, wie ich es zumin­dest noch nicht erlebt habe. Hin­ter einer typi­schen run­den Zir­kus­bühne im Zen­trum des eigens mit­ge­brach­ten Zir­kus­zel­tes, erhebt sich eine fas­zi­nie­rende Stahl­kon­struk­tion mit dem mor­bi­den Charme der Mad-​Max-​Filme und zusam­men mit den tech­ni­schen Spie­le­reien unter der Kup­pel des Zel­tes ergibt sich für die Künst­ler ein Areal zum Aus­to­ben, bei dem man größ­ten­teils nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll.

Cirque du Soleil - DralionMan merkt dem neuen CdS-​Programm Dra­lion an, daß jeder noch so kleine Teil der Show mit unheim­lich viel Liebe zum Detail kre­iert wurde. Wäh­rend vorne ein ukrai­ni­scher Jon­gleur, zu den rocki­gen Klän­gen der Live-​Musiker, die Schwer­kraft klei­ner Bälle auf­hebt, schwebt meh­rere Meter über im eine Lady am Band und wirft ihm nach und nach wei­tere Bälle zu. Wäh­rend des­sen klet­tern Akro­ba­ten in geheim­nis­vol­lem Licht an der Stahl­kon­struk­tion hoch und wie­der run­ter. Ohne Sinn zunächst, aber es ist ein per­fek­tes Ambi­ente für den im Vor­der­grund agie­ren­den Jon­gleur, des­sen Kunst­stü­cke immer wil­der wer­den… Mei­nes Erach­tens ein wich­ti­ger Punkt in der Fas­zi­na­tion des Cir­que du Sol­eil: nie­mand steht ein­fach nur rum, nichts ist ein­fach nur so. Es ist eine per­fekt aus­ge­klü­gelte Show die über­all inein­an­der­greift und den Zuschauer im bes­ten Sinne völ­lig for­dert. Rasant, mit wun­der­bar kraft­vol­ler Musik und dem betö­ren­den Gesang einer Frau und eines Man­nes mit Kas­tra­ten­stimme unter­legt, wer­den klas­si­sche Zir­kus­num­mern wie Tra­pez, Tram­po­lin & Co. nicht ein­fach abge­spult; sie wer­den zum Event.

Pure Reiz­über­flu­tung, sagen die einen. Ein Fest für alle Sinne, sagen die ande­ren.

Stern

Cirque du SoleilViel­fäl­tig wie die Show, ist auch die Her­kunft der Künst­ler. 62 Artis­ten aus 11 Län­dern (z.B. China, Ruß­land, Kanada, Bra­si­lien) sind dabei. Eine Tän­ze­rin von der Elfen­bein­küste wir­belt wie ein Der­wisch übers Par­kett, chi­ne­si­sche Dra­chen (aus Artis­ten gebil­det) balan­cie­ren auf gro­ßen Kugeln, ein Tän­zer­paar schwebt, an Bän­dern befes­tigt, einen Pas de Deus durch die Luft, bevor chi­ne­si­sche Artis­tin­nen Spit­zena­kro­ba­tik, auf Glüh­lam­pen ste­hend, dar­bie­ten. So unglaub­lich wie es klingt, ist das Ganze auch. Nach­dem sich dann nach 2½ viel zu kur­zen Stun­den sämt­li­che Akteure unter fre­ne­ti­schem Applaus auf der Bühne ver­ab­schie­det und sich über die ste­hen­den Ova­tio­nen gefreut hat­ten, ging das gene­ra­tio­nen­über­grei­fende Publi­kum in dem Wis­sen nach Hause, etwas sehr Beson­de­res erlebt zu haben. Und der eine oder andere mag auch seine Mei­nung zum Zir­kus über­dacht haben. Wenn der Sonnen-​Zirkus wie­der nach Ber­lin kommt, werde ich jeden­falls einer der ers­ten sein, der ein Ticket ordert.

Facts

Der heute welt­be­rühmte Cir­que du Sol­eil wurde 1984 aus einer Truppe von Stra­ßen­künst­lern in Kanada gegrün­det und beschäf­tigte sei­ner­zeit 73 Mit­ar­bei­ter. Heute sind es 3.000 welt­weit, es gibt fest instal­lierte Shows vor allem in den USA und Kanada und man tourt mit den ver­schie­dens­ten Pro­gram­men durch die Welt. Seit Ende August 2006 ist der CdS nach 7 Jah­ren wie­der in Deutsch­land und die Auf­tritte in Ber­lin wur­den auf Grund der gro­ßen Nach­frage mitt­ler­weile bis zum 08. Okto­ber ausgeweitet.

Dra­lion trotzt der Schwer­kraft und erschafft eine Traum­welt, in der das phy­si­ka­lisch Unmög­li­che, mög­lich wird.

Gour­met Report

Der Name des Pro­gramms der aktu­el­len Tour Dra­lion ist eine Sym­biose aus Dra­gon und Lion und sym­bol­siert das Ver­schmel­zen fern­röst­li­cher und west­li­cher Zir­kus­tra­di­tio­nen. Dra­lion schöpft aus welt­wei­ten kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen und der Viel­falt der Dar­stel­ler des Cir­que du Sol­eil. Die Ein­flüsse der beim Cir­que du Sol­eil tra­di­tio­nell live gesun­ge­nen und gespiel­ten Musik rei­chen von indi­schen Melo­dien bis zu Klän­gen anda­lu­si­scher, afri­ka­ni­scher und mit­tel­eu­ro­päi­scher Instrumente.

Dra­lion in Deutschland

30.08. – 08.10.2006 – Ber­lin, Stralauer Platz/​Ostbahnhof
19.10. – 05.11.2006 – Frankfurt/​Main, Fest­platz am Rats­weg
07.12. – 31.12.2006 – Düs­sel­dorf, Neuss /​Düs­sel­dor­fer Hafen

Links

Cir­que du Sol­eil
Cir­que du Sol­eil: Dra­lion
Geschichte des CdS bei Wiki­pe­dia

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