Tim Berners-Lee: Reinventing HTML?

04 11 2006

Sir Tim Berners-​Lee, gemein­hin bekannt als der Erfin­der des World Wide Web und gleich­zei­tig Chef des World Wide Web Con­sor­ti­ums (W3C), hat in sei­nem Blog­ein­trag a href=“http://dig.csail.mit.edu/breadcrumbs/node/166” title=“Tim Berners-​Lee: Reinven­ting HTML”>Reinven­ting HTML, Umstruk­tu­rie­run­gen bei der Ent­wick­lung der HTML- und XHTML–Stan­dards ange­kün­digt. So wird es z.B. ein neues Team beim W3C geben, daß an einer Wei­ter­ent­wick­lung des HTML–Stan­dards arbei­ten und gleich­zei­tig, par­al­lel dazu, an der wei­te­ren Aus­ar­bei­tung von XHTML 1.0÷1.1. Geplant ist wei­ter­hin, die Arbeit am XHTML 2 Stan­dard einer sepa­ra­ten, vom erst­ge­nann­ten Team unab­hän­gi­gen, Gruppe zu übertragen.

The plan is to char­ter a com­ple­tely new HTML group. Unlike the pre­vious one, this one will be char­te­red to do incre­men­tal impro­ve­ments to HTML, as also in par­al­lel xHTML. It will have a dif­fe­rent chair and staff con­tact. It will work on HTML and xHTML toge­ther. We have strong sup­port for this group, from many people we have tal­ked to, inclu­ding brow­ser makers.

Berners-​Lee stellt in sei­nem Arti­kel fest, daß der Wech­sel von HTML zum XML–Markup nicht funk­tio­niert hat und benennt auch gleich den Haupt­ver­ant­wort­li­chen: die Browser-​Hersteller. Wobei mir momen­tan nur ein Brow­ser ein­fällt, der auch in sei­ner neu­es­ten Inkar­na­tion kei­nen XML–Par­ser inte­griert hat.

The attempt to get the world to switch to XML, inclu­ding quo­tes around attri­bute values and slas­hes in empty tags and name­spaces all at once didn’t work. The large HTML–gene­ra­ting public did not move, lar­gely because the brow­sers didn’t complain.

Ich bin ein wenig skep­tisch ob die­ser Aus­sich­ten, denn jeder der sich mit Web­de­sign beschäf­tigt, weiß, wie lang und stei­nig der Weg zum bes­se­ren Markup bis hier­her schon war und gerade als XHTML, CSS, Beha­viour und Seman­tik einen grö­ße­ren Kreis errei­chen, fast alle Brow­ser »application/xhtml+xml« und selbst bei gro­ßen Web­sei­ten und auch bei den Webe­dito­ren XHTML Ein­zug hält, da geht der Schritt zurück zum Aus­bau der alten TAG–Suppe? Ich kann den Vor­teil daran nicht wirk­lich erkennen.

Die Aus­ar­bei­tung von Stan­dards ist hard work wie Berners-​Lee es beschreibt und sie braucht ver­gleichs­weise viel Zeit. Bis eine Wei­ter­ent­wick­lung von HTML 4 spruch­reif ist, würde es dau­ern, bis diese dann in die Brow­ser inte­griert ist, ver­geht wie­der etli­che Zeit (Inter­net Explo­rer 10?), wann sollte das erwei­terte HTML ver­füg­bar sein? Es würde (wie­der) Jahre dauern.

Zuge­ge­ben: die Ent­wick­lun­gen beim W3C sind nicht gerade von rasan­tem Speed geprägt. Par­al­lel­ent­wick­lun­gen alá HTML 5 sorg­ten für Druck beim W3C und die Grund­idee einer Neu­struk­tu­rie­rung ist sicher nicht ver­kehrt, es würde fri­schen Wind in die Webstandard-​Segel brin­gen. Aber wäre es nicht sinn­vol­ler, HTML 4 als obso­let zu erklä­ren und den Sta­tus und die Funk­tio­nen von XHTML aus­zu­bauen? Es scheint mir zumin­dest demo­ti­vie­rend, daß XHTML in den letz­ten paar Jah­ren Fuß gefaßt hat, selbst nam­hafte Fir­men und Orga­ni­sa­tio­nen das Tabel­len­lay­out über Bord wer­fen, CMS- und Weblog-​Scripte auch dem Laien den Zugang zu moder­nem Markup erleich­tern und (so –Gott– Bill will) mit dem nächs­ten Inter­net Explo­rer dann auch alle Brow­ser XML unter­stüt­zen. Web­sei­ten– und CSS–Rede­signs erle­ben immer grö­ße­ren Zulauf wie auch der Reboot am 01. Novem­ber 2006 wie­der zeigte. Ich bin mir abso­lut nicht sicher, ob die­ser Vor­stoß von Berners-​Lee für die Mög­lich­kei­ten des Web nicht kon­tra­pro­duk­tiv wäre, mehr Ver­wir­rung stif­tet und in einem Markup-​Chaos endet.

Bewe­gung auf die­sem Gebiet ist sicher begrü­ßens­wert und not­wen­dig. Ich hoffe nur, das W3C geht die Neu­er­fin­dung von HTML mit Bedacht an und ent­wi­ckelt eher XHTML 1.0÷1.1 wei­ter, als par­al­lel dazu HTML 4. Nur so wäre in wei­ter Ferne über­haupt das Ver­ständ­nis für XHTML 2 denk­bar, auch wenn die­ser Stan­dard noch mal eine völ­lig eigene Ent­wick­lungs­stufe darstellt.

Tim Tepaße und Mathias Schä­fer haben im SelfHTML-​Weblog sehr umfang­rei­che Arti­kel 1,2 zum Thema geschrie­ben, wel­che die Ent­wick­lung von HTML, den Stand der Dinge und einige Aus­sich­ten äußerst fun­diert zusammenfassen.

Abschlie­ßend ein Kom­men­tar aus der leb­haf­ten, teil­weise aber gut auf den Punkt gebrach­ten Dis­kus­sion zu Berners-Lee’s Artikel:

Like with »reinven­ting the wheel«: there was no rea­son to reinvent it. We had it. And it was seman­tic too.

Es bleibt abzu­war­ten, was die Nach­fol­ger der HTML Working Group tat­säch­lich vor­ha­ben und ob auch in Zukunft das Motto des W3C gilt: »Lea­ding the web to its full potential…«.